Was es wirklich heißt Bonusmama zu sein

Als ich meinen Freund kennenlernte, war von Anfang an seine Tochter auch Thema. Ich fand es spannend das Wechselmodell kennenzulernen, von dem ich bis dahin noch nichts gehört hatte. Auch ich war gefangen in der Vorstellung, dass sich Mütter kümmern und Väter an den Wochenenden ran dürfen. Es war toll zu sehen, wie er sich kümmert und die Verantwortung voll übernimmt. In der Kennenlernphase war das für mich ein absolutes Pro-Argument, weil ich so sehen konnte, dass er Kinder mag und sich vor der Verantwortung nicht drückt, die ein Kind mit sich bringt. Für mich, die ebenfalls eigene Kinder möchte, konnte es nichts schöneres geben, als diese Erkenntnis.



Welche Rolle habe ich eigentlich?

Was es tatsächlich heißt in einer Patchwork-Familie zu leben, habe ich damals nicht erfassen können. Wie denn auch? Zunächst einmal: die aller meiste Zeit ist es unfassbar schön und ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung und die Zeit mit meinen zwei Herzen. Aber es gibt auch die Momente, in denen ich sehr hadere. In denen es mir alles andere als leicht fällt zurück zu stecken, still zu sein und meine Meinung zu unterdrücken, weil sie nichts zur Sache tut. Ich bin nun mal nicht die Mutter. Meine Einstellung zur Kindererziehung trägt nur bis zu einem bestimmten Punkt. Nämlich bis zu dem Punkt, an dem mein Freund grundsätzlich anderer Meinung ist. In dem Moment bin ich eine Außenstehende. Gerade in den ersten 1,5 Jahren fiel mir die Akzeptanz dessen unglaublich schwer. Tut es heute noch an einigen Tagen. Warum? Weil wir in „Papa-Wochen“ eben wie eine Familie leben. Ich passe auf die Kleine auf, wenn mein Freund zum Feuerwehr-Einsatz springt. Ich bringe sie ins Bett, wenn mein Freund einen Abendtermin hat. Ich mache ihr Frühstück, wenn mein Freund im Homeoffice ein wichtiges Telefonat hat und ich gerade nicht. Wir agieren als Team. Wir funktionieren nur als Team. Ich kann mich nicht aus meiner Verantwortung stehlen, die ich bewusst mit dieser Beziehung eingegangen bin.


Als Bonusmama sitze ich immer in der zweiten Reihe, wenn es um die Kleine geht. Ich kann nur zuschauen, wenn es um wichtige Fragen geht. Ich kann meinen Freund stützen, ihm ein offenes Ohr anbieten. Gibt es Stress oder Uneinigkeit zwischen den Kindseltern, bin ich genauso davon betroffen – zwar indirekt, aber es beeinflusst mich. Ich bin genauso aufgewühlt, traurig, wütend, kann jedoch nichts machen. Ich muss dann emotionalen Abstand einnehmen, was mir schwerfällt.


So ganz genau kann ich die Frage nach meiner Rolle (noch) nicht beantworten. Ich suche noch meinen Platz. Vielleicht bin ich so etwas wie eine besondere Freundin. Eine, die etwas mehr Einfluss auf diesen kleinen Menschen hat, wie es andere Freunde der Familie vielleicht haben. Und ja: ich übernehme eine Mutterrolle. Sogar gerne. Wie gesagt, aber eben nur bis zu einem bestimmten Punkt. Macht mich das traurig? Ja. Bin ich eifersüchtig? Manchmal ja. Bin ich deswegen unglücklich? Nein.

Von außen betrachtet

Als Bonusmama ist man gefühlt unter Dauerbeobachtung. Von Außenstehenden, der eigenen Familie, dem Freund. „Was macht sie denn da (schon wieder)“? „Was macht sie gut“? „Was macht sie weniger gut“? Wie oft habe ich schon gehört „die Julia macht das trotz allem schon sehr gut“. Am Anfang war ich stolz das zu hören. Inzwischen denke ich mir: „werden andere Menschen in „normalen“ Familien auch so bewertet“? Wie können die Menschen, die so etwas sagen, das überhaupt bewerten? Sie sehen immer nur einen Ausschnitt. So wie in jeder Familie. Ich lerne jeden Tag dazu und geben mir allergrößte Mühe. Ich möchte nicht bewertet werden. Das nimmt mir die Freiheit auf mein Bauchgefühl zu hören, weil ich sonst immer den Gedanken im Hinterkopf habe „wie könnten das andere interpretieren? Disqualifiziere ich mich mit diesem Satz/dieser Handlung gerade?“

Eltern werden mit der Schwangerschaft und Geburt mit einem natürlichen Kompass ausgestattet, der ihnen ein Bauchgefühl mitgibt, was das Kind braucht und wie man reagiert. Ich hatte diese Phase nicht – ich bin von einem anderen Punkt gestartet und muss das bis dahin verpasste aufholen. Ich entwickle mein Bauchgefühl erst noch. Die Maßstäbe, die an mich angesetzt werden, sind aber dieselben, wie an Bauchmütter. Vielleicht liegt das daran, dass man von Frauen generell erwartet sich mit Kindern und Familie besonders gut auszukennen.


Was heißt es also nun, Bonusmama zu sein?

Es ist wahnsinnig schön und wahnsinnig anstrengend. Es ist nervenaufreibend und aufregend. Es ist nicht einfach. Es ist eine Herausforderung. Es ist Liebe.

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