Gedanken zum Weltfrauentag

Als Tochter meiner Mutter habe ich früh gelernt, dass ich mich ausprobieren darf. Dass mir die Welt offensteht und ich all das tun kann, das ich will. Wahrscheinlich weil meine Mutter das selbst nicht erfahren hat in ihrer Kindheit, hat sie es mir (und ich denke auch meinen Schwestern) mitgegeben.


Später habe ich durch meine Mutter gelernt, dass ich unbedingt finanziell unabhängig sein muss. Dass die einzige Person, die auf dich achtgibt, du selbst bist. Und dass es keine Garantien für gar nichts gibt.


Außerdem habe ich von meiner Mutter gelernt, dass es nie zu spät ist, sich selbst nochmal neu zu erfinden. Nochmal von vorne anzufangen, etwas Neues zu lernen oder sich weit aus seiner Komfortzone heraus zu bewegen, um zu wachsen.



Die Frauen in meinem Leben sind allesamt starke Persönlichkeiten, die ihren Weg gehen, sei er noch so steinig. Sie inspirieren mich und ermutigen mich, selbst die beste Version meiner Selbst zu sein.


Die Frauen in meinem Leben erfahren aber auch, was es heißt in einer patriarchalen Gesellschaft „Frau zu sein“. Sie tragen allesamt die Hauptlast des Mental Loads und der Care Arbeit – wir machen allesamt die Erfahrung, dass wir, obwohl im 21.Jahrhundert angekommen, immer noch von der Gesellschaft für die unsichtbaren Tätigkeiten verantwortlich gemacht werden. Und das passiert im Kleinen wie im Großen. In unseren Beziehungen haben wir die Termine im Kopf, überlegen uns was es zu essen gibt und was eingekauft werden muss: „Soll ich einkaufen gehen?“, „Steht alles auf der Einkaufsliste?“ – „Ja, verdammt. Schau doch selbst nach!“ möchte ich gerne ab und an schreien. Wir legen unsere Fahrtrouten so, dass wir möglichst viel von unserer Liste abarbeiten können: noch kurz das Altglas zum Container, das Kind braucht einen neuen Radiergummi, die Pfandflaschen noch schnell zum Supermarkt und direkt neue Getränke mitgenommen; das ist mir nicht alles selbst passiert, steht es aber doch sinnbildlich dafür, wie wir Frauen uns und den Alltag unserer Lieben mit-organisieren.


Ich habe vor einiger Zeit mal einen Artikel gelesen, in dem es darum ging, dass Frauen „halt einfach mal loslassen müssen“ und akzeptieren sollen, dass Männer nun mal die Dinge anders erledigen als Frauen. Das ist global gesehen fair und für mich in Ordnung. Im Kern lässt es aber tiefer blicken: schon wieder sind die Frauen dafür verantwortlich, dass der Mann seinen Teil erledigen kann. Hallo?! Wie macht ihr Männer das bei der Arbeit? Sagt man da euch auch, wie ihr eure Arbeit erledigt? Braucht es eure Vorgesetzten, die dafür Sorge tragen, dass ihr euren Arbeitsteil auch tatsächlich erledigt? Natürlich nicht. Also, warum sollte es in Beziehung und Familie so sein?


Diese Themen sind in Beziehungen absolute Streitthemen. Uns geht es allen gleich. Wie viel Energie wir in diese gefühlt endlosen Diskussionen buttern, nur um dann halbherzige Versprechungen zu machen, die wir einige Zeit halten können, um dann doch wieder in alte und gewohnte Muster zu verfallen. Ist das zufriedenstellend? Ich denke nicht. Für beide Seiten nicht. Die eine möchte nicht die ganze Zeit nölen und schon gar nicht wie die (Schwieger-)Mutter klingen, der andere möchte nicht die ganze Zeit an Dinge erinnert werden, die ihm überhaupt nicht wichtig sind und die auch überhaupt keine Priorität haben. Also, was tun?


Wir sind alle die Kinder unserer Eltern – wir leben das Leben, das uns auch schon vorgelebt wurde. Natürlich nicht 1:1 und wir haben alle unseren individuellen Charakter und einen freien Willen. Es zeigt sich dennoch in den kleinen Feinheiten, wie wir aufgewachsen und in der Gesellschaft sozialisiert wurden:

  • Die Art und Weise wie deine Eltern miteinander umgegangen sind: war es liebevoll? gab es Streit? wurde aneinander vorbei gelebt? wurde viel kommuniziert?

  • Wer hat welche Aufgaben zu Hause übernommen? Gab es eine klassische Rollenverteilung? Oder nicht?

  • Wer waren Bezugs- und Vertrauenspersonen? Zu wem bist du mit welchen Themen gegangen?

  • Wie wurde bei dir zu Hause gestritten? Gab es eine Streitkultur?

  • Wurden Gefühle gezeigt? Von allen? Welche Gefühle wurden gezeigt?

Bitte verstehe die Fragen als Einladung darüber nachzudenken, wie viel wir implizit in uns haben und danach agieren. Ist es Absicht und gewollt? Oder fühlt es sich wie ein „oh mist, ertappt“ an? Du kannst jeden Tag daran arbeiten dich und deine Einstellung/dein Verhalten zu ändern; wenn du es denn möchtest.


Ich bin der festen Überzeugung, dass wir nur gemeinsam daran arbeiten können, dass es eine Gleichberechtigung geben kann. Jeder muss seinen Teil dafür beitragen – jeder muss 100% des Weges gehen. Wir alle können und sollten Vorbilder für die Kinder (eigene, Bonuskinder, Patenkinder, Nichten und Neffen, etc.) in unserem Leben sein – auch und gerade bei der Care-Arbeit und im Teilen des Mental Load. Wir können gemeinsam so viel erreichen. Welche Welt möchtest du errichten? Was tust du heute und an den anderen 365 Tagen des Jahres dafür?


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Folgende Bücher seien Euch (selbstverständlich geschlechtsunabhängig) ans Herz gelegt, wenn ihr euch näher mit den Themen, die ich im Post angerissen habe, auseinandersetzen möchtet:

- Raus aus der Mental Load Falle

- Das Kind in dir muss Heimat finden

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