Die Sache mit der Traurigkeit

In den letzten Tagen verspüre ich eine tiefe Traurigkeit in mir. Zum einen ja: es ist auch Zyklusbedingt (hat sie Zyklus gesagt?! :-) ), andererseits hat sich in mir so viel durch Pandemie, Arbeit und Privates angesammelt…das möchte wohl jetzt raus in die Welt.


Es gibt ein Kirchenlied, das mir gerade immer wieder in die Ohren rutscht. Den Konfessionslosen unter euch sei gesagt: ja auch ich bin keiner Kirche (mehr) angehörig und doch haben solche Lieder etwas Tröstendes und Wahres:


„Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein. Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück, nach Liebe, wie nur du sie gibst.“

(Text und Melodie: Anne Quigley / deutsch: Eugen Eckert)


Wenn ich tief in mich hinein spüre, dann ist die Traurigkeit da wegen

  • verpasster Chancen,

  • Ungeduld,

  • der Tatsache, dass etwas fehlt,

  • großer, tiefgreifender Liebe und der Angst davor, diese zu verlieren.

In dieser Traurigkeit ist auch sehr viel Dankbarkeit dafür, dass es meinen Lieben und mir gesundheitlich sehr gut geht, wir bislang gut durch diese Pandemie gekommen sind und in Frieden und Freiheit hier sein dürfen.


Darf ich mich meiner Traurigkeit hingeben? Unbedingt. Ich gehe einmal durch dieses Gefühl hindurch. Ich durchlebe sie. Ich beweine sie. Ich lasse es raus. Ich stelle mir vor, dass die Traurigkeit in mir eine große Badewanne ist, die sich über Wochen hindurch gefüllt hat. Nun ist sie so voll, dass jede kleinste Bewegung sie zum Überlaufen bringt. Es ist Zeit das Wasser abzulassen – sie will schließlich wieder gefüllt und dann irgendwann wieder entleert werden.

In meiner Traurigkeit steckt viel Hoffnung. Hoffnung darauf, dass ich wieder mit Unbeschwertheit das Leben genießen kann. Dass sich meine Ungeduld auszahlt und das was fehlt irgendwann bei mir sein wird. Das ich mit einem Lächeln auf heute zurückschauen kann und sage: „da war ich wirklich traurig und kurz danach ging es wieder bergauf“. Während ich diese Zeilen schreibe, setzt die reinigende Wirkung ein. Dem Gefühl ein Gesicht zu geben, es zu beschreiben macht es in mir weniger mächtig. Ich habe die Kontrolle über meine Gefühle und kann bestimmen, was mit ihnen und mir passiert. Ich sitze auf dem Fahrersitz und bestimme, wo es lang geht. Das fühlt sich großartig an.



Meine Traurigkeit hat mir bewusst gemacht, dass ich Angst habe, dass die Unbeschwertheit nicht mehr zurückkehrt und dass ich die Liebe in meinem Leben verliere. Niemand kann garantieren, dass es nicht doch so kommt. Und doch kann ich alles dafür tun, dass die Liebe gewinnt. Ich bin hoffnungsvoll und streife nun die Traurigkeit ab. Die Badewanne wird leerer und ich verlasse das innere Zimmer, in dem sie steht. Ich schließe die Tür hinter mir, wohlwissend dass ich sie jederzeit wieder öffnen und dem Gefühl den Raum geben kann, den es benötigt um von mir gefühlt zu werden.


Welches Gefühl will von dir gefühlt und ergründet werden? Was schlummert da in dir?

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